Wann Müdigkeit zum Warnsignal wirdDauererschöpft trotz Frühling – was steckt wirklich dahinter?

Müdigkeit, Antriebslosigkeit und ein Körper, der nicht in Schwung kommt: Viele spüren im Frühling einen Tiefpunkt – doch ist das noch normale Frühjahrsmüdigkeitoder bereits eine Depression? Wie wirkt der Hormonwechsel im Frühjahr? Welche Warnsignale sind ernst zu nehmen? Und ab wann wird professionelle Hilfe wichtig?

Eine Person liegt vollständig in weißer Bettwäsche, ist bis auf die Arme unter Decken verborgen und hält eine Tasse über dem Kopf; im Hintergrund eine hellblaue Wand und ein Kissen mit der Aufschrift „good vibes“.
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Gerade im Frühling fällt der Start in den Tag manchmal schwer – wann ist das nur die normale Frühjahrsmüdigkeit und wann könnte mehr dahinter stecken?

Sonnenstrahlen im Gesicht, Vogelgezwitscher in den Ohren: Eigentlich sind es gerade schöne Tage, aber dennoch ist man einfach nur müde und erledigt?  Das kennt so mancher in diesen Wochen. Dahinter kann Frühjahrsmüdigkeit stecken – oder auch eine behandlungsbedürftige Depression. Wie unterscheidet man das eine vom anderen? Und was hilft? 

Hormonchaos zwischen Winter und Frühling

Gut zu wissen: Frühjahrsmüdigkeit ist eine natürliche Reaktion auf den Wetterumschwung, so Conrad von Heydendorff, Bad Dürkheim.  Der Winter – genauer gesagt: das fehlende Licht – hat Spuren in unserem Hormonhaushalt hinterlassen. Vereinfacht gesagt: Vom Glückshormon Serotonin war dort in den vergangenen Monaten eher wenig vorhanden, vom Schlafhormon Melatonin hingegen recht viel. 

Das zunehmende Tageslicht stößt nun hormonelle Veränderungen im Körper an. Er produziert wieder mehr Serotonin und weniger Melatonin. Bei dem Wechselspiel kann es allerdings zu einem Ungleichgewicht kommen – und zwar dann, wenn das Melatonin noch eine Weile die Oberhand behält. Wir fühlen uns dann trotz allerbestem Frühlingswetter müde. «Zudem weiten sich bei steigenden Temperaturen die Blutgefäße, was den Blutdruck sinken lässt und kurzzeitig zu Müdigkeit und Schwindel führen kann», so von Heydendorff.
 

Aktuelle empirische Daten: Frühlingsmüdigkeit – Mehr Mythos als Realität? 

Die weit verbreitete „Frühlingsmüdigkeit“ ist vermutlich kein biologisches Phänomen. Das ist die evidenzbasierte Meinung der beiden Schlafforscher PD Christine Blume, Basel, und Dr. Albrecht Vorster, Bern. Obwohl viele Menschen angeben, im Frühling besonders erschöpft zu sein, fanden sie im Rahmen einer aktuellen Online-Befragung keinerlei Zusammenhang zwischen Jahreszeit, Tageslichtveränderung und Müdigkeit. Die 1-jährige Befragung von 418 Personen ergab keine saisonalen Schwankungen in Bezug auf Erschöpfung, Schläfrigkeit oder Schlafqualität.

«Im Frühling werden die Tage schnell länger. Wenn Frühlingsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa, weil sich der Körper anpassen muss», so Blume. In den Daten spielte jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge veränderte, keine Rolle für die Erschöpftheit der Teilnehmenden.

Stattdessen deutet vieles darauf hin, dass der Begriff „Frühlingsmüdigkeit“ kulturell geprägt ist: Weil er so bekannt ist, achten Menschen im Frühling stärker auf ihre Müdigkeit und interpretieren sie entsprechend. Auch gesellschaftliche Erwartungen – im Frühling besonders aktiv zu sein – können das Gefühl verstärken, weniger Energie zu haben.

Chronobiologisch gilt: Im Winter schlafen Menschen zwar etwas mehr und fühlen sich müder, doch sobald die Tage länger werden, müsste die Energie eigentlich steigen. Die Sommerdaten der Studie bestätigen das: Trotz weniger Schlaf nimmt die Erschöpfung nicht zu.

Originalarbeit: Blume C et al. J Sleep Res 2026 : e70319. DOI: 10.1111/jsr.70319


Quelle: Universität Basel


Warnsignale, die ernst genommen werden sollten

An eine Depression sollte man denken: 

  • wenn Antriebslosigkeit und Erschöpfung über einen längeren Zeitraum anhalten. Frühjahrsmüdigkeit legt sich nach 2–4 Wochen wieder. 
  • wenn man nicht mehr in der Lage ist, Schönes zu genießen – einem also selbst der erste Kaffee in der Sonne egal ist. «Wer sich auch über Dinge, die früher Spaß gemacht haben, nicht mehr freuen kann und eine tiefe innere Leere verspürt, sollte aufmerksam werden», so von Heydendorff.
  • wenn sich ein sogenanntes «Morgentief» zeigt. Typisch für eine Depression ist, dass sich Betroffene morgens oft wie gelähmt fühlen und nur schwer in den Tag finden. Zum Abend hin bessert sich die Stimmung etwas. Weiteres Anzeichen: Obwohl Betroffene gigantische Müdigkeit verspüren, finden sie nicht in einen erholsamen Schlaf. 
  • wenn immer wieder diffuse Ängste, Gedanken wie «Ich bin nichts wert» oder Schuldgefühle auftauchen.

Dann sollte man keine Scheu haben, einen Arzt oder einen Psychotherapeuten hinzuzuziehen. Denn Depressionen sind in der Regel gut behandelbar. 

Wege aus der Frühjahrsmüdigkeit: Das hilft jetzt wirklich

Auf dem Sofa versacken und der Müdigkeit nachgeben? Experten raten zum Gegenteil – zu Bewegung an der frischen Luft. «Schon ein täglicher Spaziergang von 30 Minuten hilft dem Körper, die Hormonumstellung zu beschleunigen», so von Heyendorff. Licht ist schließlich der wichtigste Taktgeber für unsere innere Uhr. 

Zudem können Wechselduschen dabei helfen, den Kreislauf in Schwung zu bringen. Immer eine gute Idee, jetzt aber besonders: eine vitaminreiche Ernährung.