Zollpolitik als industriepolitisches DruckmittelUS-Zölle setzen Europas Pharmastandorte unter Druck

Die neuen US-Zölle auf Pharmaprodukte alarmieren die europäische Arzneimittelbranche. Hersteller warnen vor einer Abwanderung von Produktion und Forschung in die USA – mit möglichen Folgen für Investitionen, Innovationskraft und die Versorgung von Patientinnen und Patienten weltweit. Verbände fordern dringend bessere Standortbedingungen in Europa.

Luftaufnahme eines großen Pharmaproduktionsstandorts mit mehreren Industriegebäuden vor alpiner Landschaft – Standort des Konzerns Novartis in Kundl, Österreich.
Expa/Johann Groder/APA/dpa
Eben hat Novartis in Kundl (Österreich) eine neue Zellkulturanlage für monoklonale Antikörper eröffnet. Solche Investitionen könnten in Europa in naher Zukunft Dank Trumps Zollpolitik Seltenheitswert haben.

Arzneimittel-Hersteller in Deutschland und der Schweiz sehen in den neu angekündigten US-Zöllen auf Pharmaprodukte eine Bedrohung für europäische Produktionsstandorte. «Mittelfristig besteht die Gefahr, dass Teile der Produktion und Forschung in die USA abwandern», wo regulatorische und finanzielle Anreize locken, hieß es vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) in Berlin. Der Schweizer Verband Interpharma warnte vor negativen Auswirkungen auf Patientinnen und Patienten.

Die US-Regierung will Pharmakonzerne mit einem Aufschlag von 100% dazu bewegen, sich in den USA anzusiedeln. Deutschland und alle anderen EU-Staaten sowie die Schweiz, Japan und Südkorea sind jedoch wegen separater Abkommen davon ausgenommen. Für sie gelten Zollsätze bis zu 15%.

Globale Lieferketten in Gefahr

Dennoch bewerten die Pharmaverbände die angekündigten Maßnahmen als massiven Eingriff in den Medikamenten-Markt. Die Zölle «gefährden die globalen Produktions- und Lieferketten für Arzneimittel, behindern Forschung und Entwicklung und schaden letztlich Patientinnen und Patienten weltweit», warnte Interpharma in Bern.

Einzelne Hersteller können Zölle vermeiden, indem sie verstärkt in den Vereinigten Staaten investieren und produzieren, und indem sie dort ihre Preise senken. Unter anderem haben die Schweizer Branchenriesen Novartis und Roche im Dezember entsprechende Vereinbarungen mit der US-Regierung abgeschlossen. 

Investitionsentscheidungen auf dem Prüfstand

Wegen des Drucks aus den USA stehen nun auch Investitionen am deutschen Standort auf dem Prüfstand, wie VFA-Präsident Han Steutel sagte. Umso wichtiger sei es, auch in Europa einen bedeutenden Markt zu entwickeln. Der Branchenvertreter forderte niedrigere Ansiedlungskosten, schnellere Verfahren und Innovationsförderungen. «Ich würde mir wünschen, dass die Bundesregierung entschieden die Belange des Wirtschaftsstandorts Deutschland in den Blick nimmt», sagte er.