
Sterben Menschen, die in der Nähe eines Atomkraftwerks leben, häufiger an Krebs? Bisher gibt es keine eindeutige Antwort auf diese Frage, da Studien zu teils widersprüchlichen Ergebnissen gekommen waren. Nun liegen neue, sehr umfangreiche Daten aus den USA vor.
In der in Nature Communications veröffentlichten Studie untersuchten Wissenschaftler der Harvard T.H. Chan School of Public Health den Zusammenhang zwischen Nähe zu Kernkraftwerken und Krebssterblichkeit, und zwar landesweit über sämtliche Kernkraftwerke und Landkreise der USA hinweg. Für die Analyse wurden Daten der US Energy Information Administration und des Centers for Disease Control and Prevention der Jahre 2000–2018 ausgewertet; auch grenznahe Atomkraftwerke aus dem Nachbarland Kanada wurden miteinbezogen.
Jährlich über 6.000 zusätzliche Todesfälle
Selbst nach Berücksichtigung potenzieller Einflussfaktoren wie sozio-ökonomischer Status, Durchschnittstemperatur, Raucherquote oder Body-Mass-Index (BMI) zeigte sich: Landkreise in der Nähe von Kernkraftwerken weisen höhere Krebssterblichkeitsraten auf als weiter entfernte. Der Zusammenhang war besonders ausgeprägt bei älteren Erwachsenen, vor allem bei Männern im Alter von 65 bis 74 Jahren und Frauen im Alter von 55 bis 64 Jahren.
Die Forschenden schätzen, dass im Untersuchungszeitraumetwa 115.000 Krebstodesfälle in den USA mit der Nähe zu Kernkraftwerken in Zusammenhang stehen könnten – also rund 6.400 pro Jahr.
Risiko möglicherweise höher als gedacht.
Kein Beweis, aber ein deutliches Warnsignal
Einen kausalen Zusammenhang kann die Studie zwar nicht nachweisen, zumal keine direkten Strahlungsmessungen berücksichtigt wurden, aber das Team um Seniorautor Petros Koutrakis stellt fest, dass das Leben in der Nähe eines Kernkraftwerks mit einem „messbaren Krebsrisiko verbunden sein könnte –ein Risiko, das mit zunehmender Entfernung abnimmt.“
Nach Ansicht des Studienteams ist das das Risiko für die öffentliche Gesundheit möglicherweise stark unterschätzt worden und müsse nun weiter untersucht werden. „insbesondere angesichts des wachsenden Interesses an Kernenergie zur Bekämpfung des Klimawandels“.
Originalarbeit: Alwadi Y et al. Nat Commun 2026; 17: 1560. DOI: 10.1038/s41467-026-69285-4


