Selbsthilfe wird zur Hilfe für andereAus Schmerz wird Antrieb: Oliver Trelenberg radelt für schwerkranke Kinder

Jahrzehntelang Alkohol, Gewalt in der Kindheit und eine Krebsdiagnose – Oliver Trelenberg kennt die dunkelsten Seiten des Lebens. Heute radelt er Tausende Kilometer quer durch Deutschland, sammelt Spenden für schwerkranke Kinder und erzählt seine Geschichte. Eine beeindruckende Reise darüber, wie Bewegung, Mut und Wille Leben retten können – das eigene und das anderer.

Nahaufnahme: Fahrhrad auf einem Asphaltweg bei untergehender Sonne
Mariusz Blach/stock.adobe.com
„Radeln für den guten Zweck“: Jeder Kilometer auf der Fahrradtour von Oliver Trelenberg steht für eine zweite Chance – und für Hilfe für schwerkranke Kinder.

«Jammern», sagt Oliver Trelenberg, «das ist für mich weggeschmissene Lebenszeit.»  Dabei hätte der Mann, der gerade den 11. Sommer quer durch Deutschland radelt, um anderen zu helfen, mehr als einen Grund gehabt, am Leben zu verzweifeln: eine Kindheit voller Gewalt, jahrzehntelanger Alkoholismus, 2 gescheiterte Ehen, Armut, eine Krebserkrankung. Stattdessen setzte er sich aufs Rad. «Wenn ich auf dem Rad sitze», sagt er, «habe ich keine schlechten Gedanken.» Das ist keine Floskel. Das ist Überlebensstrategie. 

Radfahren half Trelenberg erst aus seinen tiefsten Krisen, dann begann er anderen zu helfen, indem er seine Überlebensgeschichte erzählte und bei deutschlandweiten Radreisen Spenden für schwerkranke Kinder sammelte – 110.000 Euro für verschiedene Hilfsprojekte sind so in den vergangenen 10 Jahren zusammengekommen

Schwierige Kindheit, Sucht, Absturz: Die Spirale nach unten

«Mein ganzer Lebensweg ist von vorne bis hinten Scheißdreck gewesen», sagt Trelenberg. Im Gespräch erzählt der große Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf und den vielen Tattoos offen von seinen Tiefpunkten: Er wächst auf in einem Elternhaus, in dem gesoffen und geprügelt wird. «Ich habe im Alter von 11 oder 12 Jahren angefangen zu saufen und war dann bis 2003 schwerer Alkoholiker», berichtet er. Bis heute arbeitet er die Traumata seiner Kindheit und Jugend in Therapien auf.  </p> <p> Den Hauptschulabschluss schafft er nur knapp, eine Schlosserlehre bricht er ab. Nach einer ersten gescheiterten Ehe säuft er noch mehr als zuvor. «Im Prinzip konnte ich das Leben nur im Suff ertragen. Nüchtern hat mir das Leben irgendwie nicht viel gebracht.»

Der Moment der Entscheidung: Weg vom Alkohol

Doch irgendwann hat er genug – dieses Mal von sich selbst: «Jeden Morgen so im Tran wach werden, Restalkohol – das hat mich einfach angekotzt.» 

Auch die Aggression, die mit dem Alkohol einhergeht, will er nicht mehr. Er beschließt nicht nur, seine problembeladene 2. Ehe zu beenden, sondern auch mit dem Trinken aufzuhören. Mit einem Schlag, ohne Entzugsklinik. Seither habe er keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken, sagt der 60-Jährige aus Hagen nicht ohne Stolz.

Kehlkopfkrebs – eine neue Lebenskrise

Doch 10 Jahre später stürzt ihn eine Diagnose erneut in eine tiefe Lebenskrise: Er erkrankt an Kehlkopfkrebs. Die Ärzte entfernen einen Teil des Organs – mit täglich spürbaren Folgen. Trelenberg lebt seitdem mit dauerhafter Kurzatmigkeit, bei Überanstrengung gibt es das Risiko eines Kehlkopfkrampfes. Weil der Kehldeckel fehlt, gibt es ein erhöhtes Risiko, an Essen zu ersticken

«Ich bin dadurch schon schwer eingeschränkt», gesteht er. Doch wichtiger ist ihm die Botschaft, was trotzdem alles geht: Nach der OP schafft er zunächst nur wenige Kilometer, doch von Tour zu Tour werden die Runden größer. Als er 2014 mit Tagestouren 5.000 Kilometer zurücklegt, kommt der Gedanke, daraus etwas Gewinnbringendes für andere zu machen. Dabei hat er selbst kaum etwas: Seine Erwerbsminderungsrente reiche gerade mal zum Überleben. 

Allein unterwegs, aber nie einsam

Die Reisen sind akribisch geplant: Jedes Jahr an Weihnachten wälzt er Radtourenbücher, plant Etappe um Etappe. «Um in dieser Zeit ohne Familie nicht rückfällig zu werden oder in depressive Stimmung zu verfallen, hecke ich lieber meine Touren aus.» Silvester schreibt er dann die Stadtverwaltungen seiner Etappenziele mit der Bitte um Unterstützung an. Sie sind es auch, die ihm ein Hotelbett organisieren und sein Projekt vor Ort bekanntmachen. 

Trelenberg fährt dabei immer alleine. Er will sich nicht für die Pausen rechtfertigen müssen, die er benötigt. Will auch niemandem erklären, warum er lieber nicht in den Biergarten geht. «Ich kann einfach meine Tour so für mich genießen.» Und: «Ich will ja nicht wie die Axt im Walde über die Bahntrassen preschen. Ich will ja Menschen begegnen.» 

Mit den meisten komme er wegen des Trikots ins Gespräch: «Radeln für den guten Zweck» steht darauf. Ist die Neugier geweckt, erzählt er von seinem Projekt, von den Spendenmöglichkeiten. Bargeld nehme er nicht an. «Ich bin nicht aufdringlich. Mir kommt es auch nicht darauf an, ob und wie viel jemand gibt.»

5000 Kilometer gegen das Vergessen und Aufgeben

Bis Mitte August wird Trelenberg dieses Mal unterwegs sein – knapp 5.000 Kilometer auf mehr als 80 Etappen durch 12 Bundesländer stehen an – über das Ruhrgebiet und das Münsterland führt ihn sein Weg schließlich zunächst nach Niedersachsen, weiter an die Küsten von Nord- und Ostsee und schließlich über Brandenburg und Thüringen bis in den Süden Deutschlands und wieder zurück nach Nordrhein-Westphalen. 

Auch danach plant der Spendensammler nicht, sich zur Ruhe zu setzen. «Ich mache das, bis ist tot vom Rad falle. Bis der Blitz hinten einschlägt», sagt er und grinst.