
Soziale Ungleichheit – etwa Armut und Rassismus – hängt mit der biologische Alterung zusammen, so eine aktuelle Studie eines Teams der Max-Planck-Forschungsgruppe Biosozial am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Zusammenarbeit mit der Columbia University in New York. Ermittelt haben dies die Forscher anhand des Epigenoms: Denn „epigenetische Uhren“ analysieren Muster chemischer Markierungen auf der DNA, um das biologische Alter einer Person oder die Geschwindigkeit, mit der ihr Körper altert, abzuschätzen. Diese Instrumente werden von Forschenden immer häufiger genutzt, um zu untersuchen, wie Umweltfaktoren, Lebensstil und soziale Bedingungen die Gesundheit über den gesamten Lebensverlauf beeinflussen.
Neue Messmethoden adressieren offene Fragen
Dass epigenetische Uhren empfindlich auf sozioökonomische sowie rassische oder ethnische Ungleichheiten reagieren, weiß man bereits aus früheren Einzelstudien. Da jedoch mehrere verschiedene Arten epigenetischer Uhren existieren, war bislang unklar,
- welche Messverfahren die Auswirkungen sozialer Gesundheitsdeterminanten am besten erfassen,
- in welchen Lebensphasen sozioökonomische Einflüsse die epigenetische Alterung besonders stark beeinflussen und
- ob sich die Zusammenhänge nach Geschlecht oder nach technischen Faktoren – wie dem Gewebe, aus dem die epigenetischen Daten gewonnen werden – unterscheiden.
Die aktuelle Studie integriert daher Befunde aus vielen unabhängigen Untersuchungen und ermöglicht damit eine umfassende Prüfung, ob diese Zusammenhänge konsistent und robust sind.
Auf einen Blick
- Soziale Benachteiligung beschleunigt die biologische Alterung: Durch die Synthese von Ergebnissen aus 140 Studien und fast 66.000 Personen zeigt sich konsistent, dass ein niedriger sozioökonomischer Status sowie marginalisierte rassische oder ethnische Zugehörigkeiten mit schnellerer biologischer Alterung im Epigenom verbunden sind.
- Nicht alle epigenetischen Uhren sind gleich: Neuere epigenetische Messverfahren – die erfassen, wie schnell der Körper altert – reagieren sensibler auf soziale Ungleichheit als ältere Uhren, die zur Schätzung des chronologischen Alters entwickelt wurden.
- Die Effekte beginnen früh im Leben: Hinweise auf eine beschleunigte biologische Alterung im Zusammenhang mit sozialer Benachteiligung sind bereits bei Kindern sichtbar und verdeutlichen, dass soziale Ungleichheit die Biologie schon in jungen Jahren prägen kann.
Die Studie fasst Ergebnisse von 1.065 Effektstärken aus 140 Studien mit insgesamt 65.919 Teilnehmenden im Alter von der Geburt bis 86 Jahren zusammen. Durch die Kombination der Ergebnisse aus vielen Studien konnten die Forschenden die bislang umfassendste Bewertung vornehmen, wie soziale Bedingungen mit epigenetischen Maßen biologischer Alterung zusammenhängen.
Neue Messmethoden: Moderne „Uhren“ sind empfindlicher
Die Studie offenbart ein klares und robustes Muster: Menschen, die soziale Benachteiligung erfahren, zeigen tendenziell eine schnellere biologische Alterung, und dieser Zusammenhang war am stärksten ausgeprägt bei der Nutzung der neuesten Generation epigenetischer Uhren. Uhren der 1. Generation – primär entwickelt zur Schätzung des chronologischen Alters – zeigen nur schwache Zusammenhänge mit sozioökonomischen Bedingungen. Dagegen weisen Uhren der 2. Generation, die Gesundheits- und Mortalitätsrisiken abbilden, sowie Uhren der 3. Generation, die das Tempo der Alterung messen, deutlich stärkere Zusammenhänge mit sozioökonomischen Bedingungen auf.
Frühe Lebensbedingungen wirken Jahrzehnte nach
Offenbar beeinflusst soziale Ungleichheit die biologische Alterung bereits früh im Leben: Kinder, die unter niedrigeren sozioökonomischen Bedingungen aufwachsen, weisen bereits Anzeichen einer beschleunigten biologischen Alterung auf, wenn neuere epigenetische Uhren angewendet werden. Und das setzt sich später im Leben fort: Erwachsene, die in benachteiligten Familien aufgewachsen sind, auch später im Leben biologisch schneller altern – selbst Jahrzehnte nach den Belastungen in der Kindheit.
Die Forschenden hatten außerdem rassische und ethnische Unterschiede in der biologischen Alterung im Blick. Demnach war bei schwarzen Studienteilnehmern aus den einbezogenen US-amerikanischen Studien – gemessen mit Uhren der 2. und 3. Generation – eine beschleunigte biologische Alterung im Vergleich zu weißen studienteilnehmer zu sehen. Auch zwischen Latinx- und weißen Teilnehmenden bestanden Unterschiede, fielen jedoch etwas geringer aus.
Daten setzen Maßstäbe für Prävention und Gesundheitspolitik
Die Ergebnisse tragen dazu bei, zu klären, welche epigenetischen Uhren am besten geeignet sind, um zu untersuchen, wie soziale und ökologische Bedingungen die biologische Alterung beeinflussen. Das Forschungsteam merkt an, dass diese Instrumente künftig auch dazu beitragen könnten, zu bewerten, ob Interventionen – etwa Programme zur Armutsbekämpfung, bildungspolitische Maßnahmen oder Gesundheitsinterventionen – die biologische Alterung verlangsamen und die langfristige Gesundheit verbessern können.
Originalarbeit: Willems YE et al. Nat Hum Behav 2026 Jun 12. DOI: 10.1038/s41562-026-02477-6
Quelle: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung


