Zu billig, zu präsent, zu riskantSuchtforscher fordern strengere Alkoholregeln

Deutschland trinkt weniger – aber immer noch zu viel. Trotz sinkender Durchschnittswerte zählt die Bundesrepublik weiterhin zu den europäischen Hochkonsumländern. Aber Alkohol ist kein harmloses Genussmittel, sondern ein erhebliches Gesundheitsrisiko. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen fordert deshalb klare politische Konsequenzen – von höheren Preisen bis zu eingeschränktem Verkauf.

Leere und halbleere Gläser mit alkoholischen Getränken stehen in einer Bar auf einem Tresen.
Robert Michael/dpa
Alkohol ist in Deutschland jederzeit verfügbar – Experten sehen darin ein zentrales Problem der aktuellen Alkoholpolitik.

Suchtforscher setzen sich für strengere Regeln und höhere Preise beim Verkauf von Alkohol ein. Wie aus dem aktuellen Jahresbericht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hervorgeht, hat Deutschland eine der am wenigsten restriktiven Alkoholgesetzgebungen in Europa und nach wie vor einen überdurchschnittlich hohen Konsum

«Schon einfache Maßnahmen zur Alkoholkontrolle könnten helfen, den immer noch hohen Alkoholkonsum in Deutschland zu senken – und die damit verbundene Krankheitslast und die Kosten zu reduzieren», sagt die Mitautorin des Berichts Carolin Kilian. Auch die DHS beklagt in einer Mitteilung anlässlich der Veröffentlichung des Jahrbuchs «große Defizite in der Alkoholpolitik».

Preis als Hebel: Höhere Steuern könnten den Konsum wirksam senken

Es gebe inzwischen gute wissenschaftliche Belege aus Ländern wie Schweden oder Litauen, dass bestimmte regulative Maßnahmen gut geeignet seien, den Konsum in der Bevölkerung und die damit verbundenen negativen Folgen zu reduzieren, erklärt Kilian, die am National Institut of Public Health im dänischen Kopenhagen forscht und lehrt. Dazu zählt sie etwa höhere Verbrauchsteuern, Einschränkungen bei der Dauer-Verfügbarkeit von Alkohol sowie Marketingverbote

So gebe es in Deutschland keine Weinsteuer, auch die Biersteuer sei sehr gering. «Wenn hier die Steuersätze steigen, ist das eine sehr einfache Maßnahme, die direkt und wirkungsvoll Verhaltensänderungen herbeiführen kann», so Kilian. «Daneben wäre es sehr wünschenswert, dass Alkohol nicht immer und überall verfügbar ist.» Denkbar sei etwa ein Verkaufsverbot von Alkohol an Tankstellen - «zumindest ein Anfang», so Kilian. 

Nicht überall rückläufig: Wer heute mehr trinkt als früher

«Deutschland gehört zu den Hochkonsumländern», sagt die Expertin für Öffentliche Gesundheit. Zwar sei der Konsum insgesamt rückläufig, das gelte aber nicht für alle Bevölkerungsgruppen. «Insbesondere junge und gebildete Frauen trinken heute eher mehr als noch vor 20 oder 30 Jahren», so die Expertin. 

Zwar konsumieren die Deutschen heute insgesamt weniger alkoholische Getränke als noch vor mehr als 15 Jahren. Laut DHS stagniert der durchschnittliche Pro-Kopf-Konsum auf immer noch zu hohem Niveau. Wie aus dem Jahrbuch hervorgeht, tranken Deutsche durchschnittlich 2024 etwa 11 Liter reinem Alkohol pro Kopf jährlich – und damit mehr als im europäischen Durchschnitt. 

Jahrbuch bündelt Informationen: Handlungsdruck für Politik und Gesellschaft

Alkohol sei kein gewöhnliches Genussmittel, betonen auch Suchtmediziner in dem Jahrbuch. Schon gelegentliches Trinken gehe mit einem steigenden Risiko für gesundheitliche Schäden einher. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO steht Alkohol in Verbindung mit bis zu 200 verschiedenen Krankheiten. Etwa 44.000 Todesfälle ließen sich so auf Alkoholkonsum zurückführen, heißt es im Jahrbuch. 

Die jährliche Veröffentlichung der DHS bündelt Aufsätze zu verschiedenen Entwicklungen zum Konsum von Alkohol, Tabak, Cannabis, Medikamenten und illegalen Drogen und will damit auch Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft geben. Angesichts stagnierender Entwicklung beim Rückgang junger Raucher beklagen die Experten laut Mitteilung beispielsweise auch eine mangelhafte Tabakkontrollpolitik und einen längerfristigen Anstieg beim Cannabiskonsum.

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